Bericht über die Go East-Sommerschule (von Sebastian Wagner)

Bericht über die Go East-Sommerschule Botanical and ornithological field course in the Lake Baikal region 22.08.2011 – 07.09.2011

 

Nicht „Neapel sehen, und sterben“, sondern „Bajkal sehen, und sterben“ lautet für mich seit meiner Sommerschule der berühmte Ausspruch. Die Erfahrungen, die ich aus dieser Sommerschule mitnehmen konnte, übertrafen die meinen um einiges, obwohl ich mir von dieser Sommerschule als angehender Gymnasiallehrer für das Unterrichtsfach Russisch schon im Voraus viele neue Eindrücke erhofft habe. Vieles wurde mir von Russen berichtet über das ruhmreiche Meer, den heiligen Bajkal – wie es im bekannten Lied Славное море, священный Байкал über jenen heißt. Ja, Tatjana Kuschtewskaja schreibt in ihrem Buch „Der Baikal“ sogar, daß einen dieser See nie wieder losläßt, wenn man ihn einmal erlebt hat.

Natürlich habe ich mir in erster Linie von der Sommerschule erhofft, meine Kenntnisse der Sprachpraxis des Russischen zu trainieren und vervollkommnen, jedoch konnte ich auch vielmehr weitere einmalige Erfahrungen sammeln von der einmaligen Landschaft, die geprägt ist von einem See, der, wenn man ihn einmal erblickt, den Anschein erweckt, er sei ein Meer. Denn beim Versuch, das andere Ufer zu erblicken, wird man schnell feststellen, daß dies unmöglich ist. Jeder Versuch, mit bloßem Auge das gegenüberliegende Ufer zu erspähen, hört an der Stelle auf, an der man die gewaltigen Ausmaße des Bajkals erstmalig zu Gesicht bekommt: eine Breite von 30 bis 80 km und eine Länge von 636 km. Berge läßt das Auge erblicken, überall aus der Landschaft ragende Berge – mit Steppen, Wiesen und Wäldern – und inmitten befindet sich ein See von sagenhafter Schönheit; mit Wasser so klar wie Glas. Eine einfach einmalig atemberaubende Flora und Fauna!

Nun aber ein wenig chronologisch:

Für mich und eine Freundin begann die Sommerschule schon ein wenig eher, da wir uns entschlossen hatten, bereits vorher nach Irkutsk zu fliegen, um uns die Stadt anschauen zu können. Kurzerhand durchstöberten wir also das Runet und wurden auch fündig – eine Wohnung sollte es sein, die man für ein paar Tage mieten konnte. Man nennt solche Wohnungen посуточные квартиры. Die Buchung war erledigt, die Flugtickets gekauft, und noch ein paar andere wichtige Sachen ebenfalls. Am 18. August ging es also los. Um 11:30 Uhr Deutscher Zeit hoben wir gen Rußland ab und landeten schließlich nach 2,5 Stunden Flug auf dem Flughafen Moskau Domodedovo. Dort galt es, die erste Hürde zu überbrücken: 5,5 Stunden Aufenthalt bis zum Weiterflug nach Irkutsk. Doch nach kurzer Suche fanden wir auch schon die geeignete Atmosphäre, ein kaukasisches Restaurant. Wir speisten, und genossen die orientalische Wasserpfeife ganze 3,5 Stunden. Es verging noch ein wenig weiter die Zeit, bis schließlich um 21:15 Uhr Moskauer Zeit der Flug nach Irkutsk begann. Der Flug – etwa sechs Stunden – war anstrengend, und raubte uns schließlich sogar die Nacht. Ankunft in Irkutsk war am frühen Morgen des darauffolgenden Tages, also dem 19. August um 7:45 Uhr. Ich rief wie vereinbart die Vermieterin an, wir wurden abgeholt und wurden gleich mit der Russischen Mentalität konfrontiert: das Auto wurde vollgepackt bis unter’s Dach. Aber da wir beide schon an Russischen Universitäten studiert haben, war das für uns nichts Neues, doch eine Bestätigung, daß wir endlich wieder in Rußland waren.

Wir kamen also in unserer Wohnung an, waren hell auf begeistert und verbrachten – wider unserer eigentlichen Pläne, sofort in die Stadt zu gehen – erst einmal einige Stunden schlafend im Bett. Die kommenden Tage erkundeten wir also Irkutsk und die russische Seele auf eigene Faust, bis wir am Nachmittag des 22. Augusts telefonisch Kontakt zu Viktor Olegovič aufnahmen, der uns bat, sofort ins Wohnheim zu kommen. Anstatt also Briefmarken für die schon vor zwei Tagen gekauften Postkarten zu kaufen, machten wir uns auf den Weg zum Wohnheim, machten dort die ersten Bekanntschaften mit den TeilnehmerInnen der Exkursion. Schließlich gab es noch einmal eine Stadtführung, Maria und ich klärten mit den Verantwortlichten, daß wir noch eine Nacht in unserer Wohnung verbringen könnten, und nachdem dies genehmigt wurde, gingen wir noch einmal durch die Stadt, aber diesmal mit Martin und Julian – zwei Teilnehmern der Exkursion.

Die letzte Nacht in der Wohnung in Irkutsk wird mir persönlich wohl noch lange in Erinnerung bleiben, da ich erst ca. 5:00 Uhr erst einschlief aufgrund von steten Magen-Darm-Problemen. Ich glaube, der Apotheker, dem ich am nächsten Tag mein Problem auf Russisch beschreiben mußte, wird mich wohl auch noch lange in Erinnerung behalten, da ich natürlich für solch einen Fall „vokabel-technisch“ nicht vorbereitet war, und mich somit in äußerst einfacher Kindersprache artikulieren mußte. Es ging also ab jetzt voran, und zwar erst einmal mit dem Taxi und Gepäck zum Wohnheim. Dort wurden dann erst einmal die Gebühren bezahlt, wobei ich meine, ich sei wohl der einzige, der in Rubel gezahlt hat.

Schließlich ging es los mit zwei Bussen Richtung Bajkal, wobei diese Busse in Deutschland wohl keinem TÜV standgehalten hätten. Nach einer stundenlangen Fahrt kamen wir irgendwann am frühen Abend im Sarma-Delta an. Ich erinnere mich noch heute an den ersten Blick auf den riesigen Bajkal – er war und ist einmalig schön. Doch für Bewunderung und Erkundung war erst einmal keine Zeit, denn es galt, die Zelte aufzubauen und schnell Holz zu sammeln für das Feuer, solange es noch hell war. Gesagt, getan. Dann die einmalige Landschaft in der nahen Umgebung erkundet, soweit dies möglich war und den ersten Abend am Lagerfeuer verbracht. Soweit ich mich richtig erinnere, gingen wir alle recht zeitig ins Bett. Ach ja, Abendbrot gab es natürlich auch. Und dies war sogar gleichzeitig der Anfang einer kleinen Ära für sich: denn einige Kinder der Dozenten waren mitgekommen, und trommelten jedes Mal, wenn es Essen gab mit einer Kelle auf die Blechdeckel der Töpfe und schrieben auf Deutsch „Essen!“.

Der nächste Tag startete mit einer Exkursion durch das Dorf Sarma, und zugleich mit einer sehr schlimmen Nachricht: es gibt keine Zigaretten in den Läden! Als ich dies hörte, war ich wirklich nur froh, daß ich mir zehn Packungen mitgenommen habe aus Irkutsk. Allerdings wurde dieses Problem einmal durch eine kleine Lieferung gelöst, und ansonsten dadurch, daß man vorsorglich einkaufte, wenn man mal mit dem Bus an der Tankstelle vorbeifuhr. Nun ja, nach dem Mittag ging es mit Oksana Petrovna in die Wiesenlandschaft, und wir wurden über die Botanik der Wiesenpflanzen aufgeklärt. Interessant ist hier wohl der Fakt, daß auf 10m² Wiese weniger Pflanzenarten vorkommen, als auf 10m² Steppe. Nach einem Vortrag über Herbarien war für uns Freizeit, und da die Sonne schien, wurde dies sofort genutzt, um das erste Mal im tiefsten und saubersten See der Welt zu baden. Dieser Tag ging zu Ende mit Vodka, Bier, Lagerfeuer und Gesang.

Ja, der nächste Tag, und auch der Tag danach, waren wohl auf eine gewisse Art und Weise die schrecklichsten, denn Aufstehen war 6:00 Uhr, damit wir auf ornithologische Exkursion gehen können. Frühstück gab es übrigens erst nach der Exkursion etwa um 9:00 oder 9:30 Uhr. Ich muß hier wohl erwähnen, daß ich – und so ziemliche alle anderen auch – Handy und Uhr nicht wirklich benutzten; und es war so eine sehr erholsame Zeit. Am ersten dieser beiden Tage stellten wir Vogelnetze auf, wanderten durch die Steppe bis in einen kleinen Wald auf einem Berg und badeten natürlich wieder. Ein Hit war glaube ich auch, daß ich mit Maria, Christin und Jörg beim Entlanggehen am Ufer des Bajkal plötzlich auf eine kleine Herde Kühe stießen, und sowohl die Kühe, als auch wir vier erst einmal sehr komisch geschaut haben müssen. Der Tag darauf ist wohl ein sehr beliebter unter allen – obwohl wirklich alles wunderschön war -, denn es ging in die Sarma-Schlucht. Erst an einem Burjaten-Opferstein vorbei, dann am Felsen mit dem Frauengesicht wanderten wir also durch die Schlucht, teils in 20m Höhe. Komischerweise war ich anfangs mit ganz vorne im Trupp, schnell aber ganz hinten, was sich zum Schluß aber als äußerst positiv darstellte, da auch die Botanikerin Oksana Petrovna mitlief und sie uns viel erklärte über die Vegetation dort. So viele kleine unbekannte – jetzt ja eigentlich bekannte – Beeren habe ich noch nie gegessen. Und die Landschaft, die ist einfach an jeder Stelle einmalig. Sowohl das Delta als solches, oder der Bajkal, oder die Berge, … es ist einfach alles naturschön, einmalig. Nach stundenlanger Wanderung kamen wir wieder zurück Richtung Zeltlager. Vorher wurde natürlich noch gebadet. Es gab dann also Abendbrot, und wieder ein toller Lagerfeuerabend zelebriert.

Am nächsten Tag ging es nach dem Frühstück auf einen der vielen Berge. Man denkt immer, daß es nur noch ein Stück ist, aber man unterschätzt einfach die Höhenmeter. Denn es war doch recht anstrengend, aber der herrliche Ausblick trieb einen immer wieder an, weiter den Berg zu erklimmen. Der Rückweg wurde für mich und Maria dann auch noch einmal abenteuerlich, da wir schlugen einen anderen ein, als die restlichen Leute. Ach ja, ich muß wohl auch erwähnen, daß stets und ständig die sogenannten Ego-Photos mit am Ball waren. Maria und ich gingen also unseren anderen Weg den Berg hinab, und kamen schließlich noch einmal am Burjaten-Opferstein vorbei. Diesmal legten übrigens auch wir etwas darauf – einen 10-Rubel-Schein und eine Zigarette. Der weitere Weg – ich erinnere mich noch gut – war immer beschwerlicher, denn unser Trinken war alle, wie auch das Essen, und das Dorf noch mindestens so fern, wie der Magen leer. Als ich zwei Milky-Way-Riegel entdeckte, war das in jenem Moment wirklich wie eine Erlösung.

Noch kurz gebadet ging es dann mit dem Bus zu einer Höhle, die von so ziemlich allen besichtigt wurde – von mir leider nicht, da ich mit ganz engen Räumen nicht so ganz klar komme. Dort gab es dann Lagerfeuer und Essen, und irgendwann um 2:00 Uhr nachts herum traten wir die Rückfahrt ins Zeltlager an. Ich weiß nur noch, daß wir 3:30 Uhr ankamen und alle einfach nur in ihr Zelt fielen.

Da es am Tag darauf fast den ganzen Tag regnete, hörten wir einen Vortrag über den Bajkal-See und danach gab es mehr oder weniger Freizeit. Es sei hier erwähnt, daß dieser See eine Länge von ca. 620km hat, und eine Breite von 40-80km. Man sieht einfach das andere Ufer nicht, sondern nur Wasser, als ob man auf das Meer blickt. Und im Hintergrund ragen die mächtigen Berge hervor, die die komplette Landschaft zieren. Ich erinnere mich an dieser Stelle auch noch gut daran, daß der sogenannte Sarma-Wind uns besuchte, und Maria und ich im Zelt sitzend dachten, wir fliegen mit dem kompletten Ding weg. Komischerweise lachten wir eher um die Wette, als Angst zu haben, daß irgendwas kaputt geht. Als das Wetter sich dann besserte, gab es abends zum Lagerfeuer noch einen Diavortrag über die Bajkal-Region.

Nach ein paar Tagen war übrigens schnell klar, daß es täglich Suppe gibt zum Mittag, und auch zum Abend, und auch zum Frühstück stets Brei, Weißbrot, Wurst und Käse. Hier sei vielleicht auch erwähnt, wie berühmt der Salat immer war: ein jeder hat wohl oft einmal überlegt, ob er sich zuerst Hauptspeise oder Salat holt, weil vom Salat schnell nichts mehr da war.

Eigentlich dachten wir alle, daß keine ornithologische Früh-Exkursion mehr auf uns zukommt, doch wir täuschten uns. Denn am nächsten Tag war es Zeit für die dritte Exkursion dieser Art. Doch irgendwie hat es der Charme des Bajkal immer wieder geschafft, uns alle so zu verzaubern, daß wir freiwillig und wißbegierig mitgingen und zuhörten. Die Belohnung eines jeden Tages war auf jeden Fall immer der Sonnenuntergang und auch das Baden in diesem mystischen See. Noch ein Tag verging, leider mit schlechtem Wetter, aber wir wußten uns alle zu beschäftigen und wurden auch gut beschäftigt von den Kursleitern. Die Unkundigen der Russischen Sprache mochten glaube ich die Regentage besonders, da es an jenen zu vermehrtem Russisch-Unterricht kam.

Am 31. August – der irgendwie sehr schnell erreicht war – wurde schließlich nach dem zeitigen Frühstück das erste Lager im Sarma-Delta abgebaut und es begann eine sehr lange Fahrt über Irkutsk in das Delta Bol’šoe Goloustnoe. Toll war, daß wir wirklich recht spät ankamen, nach dem Aufbauen der Zelte gleich gegessen wurde, und wir im Dunkeln mit Taschenlampen noch Feuerholz suchen mußten. Ach ja, unterwegs haben wir übrigens eine wild wachsende Hanf-Pflanze bei einem Busstop gesehen, und ich habe von der Verkäuferin in Sarma eine Einladung bekommen, nochmal hier herzukommen. Ich könne bei ihr übernachten. Der erste Abend im neuen Lager ging – wie schon der erste erste Abend, recht zeitig zu Ende. Wahrscheinlich auch deshalb, da am nächsten Tag wieder mal eine ornithologische Exkursion geplant war, aber diesmal erst um 8:00 Uhr, was das ganze erträglicher machte. Da ich an diesem Tag sehr starke Magenschmerzen hatte, bin ich nicht mit in den Wald gewandert, sondern habe mich am Ufer des Bajkal in ein dort stehendes Boot gelegt, gelesen und einfach nur die Landschaft genossen und auf mich einwirken lassen. Schließlich ging es zum ersten Mal in eine russische Banja. Die erste Gruppe 15:30 Uhr, die zweite Gruppe – wir Männer – um 17:00 Uhr. Das war wirklich ein Erlebnis! Abends am Lagerfeuer wurde wieder gesungen, getrunken und gelacht.

Der darauf folgende Tag begann wieder zur normalen Zeit, also 9:00 Uhr mit dem „Essen!“ der Kinder. Danach ging es ins dortige Delta, und man merkte erstmals, wie weit das Dorf doch von unserem Lager entfernt ist. Aber jeglicher Weg war egal, denn die Landschaft beeindruckte einen einfach immer wieder so sehr, daß einem alle Müh‘ egal war. Das Wetter zog sich an diesem Tag plötzlich zu. Am Nachmittag ging es deshalb wieder ins Boot zum Lesen für mich, und abends kam dann endlich die lang ersehnte Nachricht: „Es gab Omul‘!“ Omul‘ – das ist ein Fisch aus dem Bajkal, der zwei Tage nacheinander unser Abendbrot zierte, und sehr schmackhaft ist. Es könnte uns natürlich auch nur so vorgekommen sein auf Grund der steten Suppen, die es sonst gab – die allerdings immer sehr lecker waren. Hier fällt mir auch wieder ein, daß wir alle schnell merkten, daß der Russe Dill wie Basilikum benutzt, und man ihn sogar auf einer Pizza findet. Jene bestellten wir übrigens noch im ersten Lager in Sarma bei „unserer“ Verkäuferin. Sie ähnelte eher einer flachen Quiche Lorraine, aber jeder, der ein Stück aß, fand es einfach nur köstlich. Nun ja, der Abend nach dem ersten Omul‘-Festmahl endete wie jeder mit Lagerfeuer und bester Stimmung.

Am nächsten Tag, soweit ich mich erinnere, wanderten Maria und ich durch den Wald neben dem Lager, statt mit den anderen ein Stück weiter weg in einen anderen Wald zu gehen. Ja, wir versuchten sogar auf den mit Lerchen bewaldeten Berg zu steigen. Dies gelang zunächst, wurde aber dann doch recht lustig, als wir auf den heruntergefallenen Nadeln ausrutschten und immer ein Stück den Berg herabrutschten. Dort waren wir übrigens, weil ich gehört habe, daß es dort in der Nähe eine geheimnisvolle Höhle geben soll, deren Lage niemand beschreibt. Leider fanden wir jene Höhle nicht, auch nicht, als wir es einen Tag später noch einmal versuchten, und sogar in Begleitung von einem Hund aus dem Dorf, der uns auf Schritt und Tritt folgte, bis wir am späten Nachmittag wiederkamen. Ach ja, im Dorf waren wir, um noch einmal eine Banja zu bestellen für den Abend. Und eigentlich hatten wir auch vor, nach dem Gang ins Dorf, uns der Botaniker-Gruppe anzuschließen; aber wir fanden sie einfach nicht. Dies war dann sogar schon der vorletzte Abend am Ufer des Bajkals.

Der nächste Tag verging recht gelassen für alle, denn auf dem Programm stand nichts mehr. Und so beschäftigte sich jeder mit dem, was er wollte. Ich glaube, es fand auch noch einmal Russisch-Unterricht statt. Für mich und ein paar andere ging es also noch einmal ins Dorf, es wurde, wie eigentlich jeden Tag, noch einmal sehr viel fotografiert. Der letzte Abend am Bajkal war wohl zugleich auch der längste, denn das Lagerfeuer ging bis tief in die Nacht hinein.

Der letzte Morgen mit Blick auf den Bajkal. Es ging ans Abbauen des Zeltlagers. Die Stimmung war gemischt, aber irgendwie doch getrübt, denn einem jedem wurde jetzt klar, daß die schöne Zeit vorbeigeht. Gegen Nachmittag ging es also mit dem Bus zurück, und vorher wurden natürlich noch Kontaktdaten ausgetauscht mit den Russen, die schon jetzt mit einem anderen Bus die Rückfahrt nach Irkutsk antraten. In unserem Bus wurden natürlich auch noch untereinander die Kontaktdaten getauscht. Jedem wurde immer klarer, daß es die letzte gemeinsame Fahrt ist. Erwähnenswert ist an dieser Stelle sicherlich auch, daß eine Busfahrt hier nicht mit einer Busfahrt in Deutschland oder Westeuropa zu vergleichen ist; denn es fängt bei den „Straßen“ an, und hört beim Alter der Busse auf. Erstaunlich ist wirklich, daß die Busse die „Loch-an-Loch-und-hält-doch-Strategie“ so gut wie unbeschadet überstanden haben, und natürlich auch wir, die manchmal regelrecht durchgeschüttelt wurden, was übrigens immer für beste Laune sorgte.

Im Wohnheim in Irkutsk angekommen – übrigens einem anderen als zu Anfang – ging es gemeinsam in die Stadt, um ein letztes Mal Irkutsk zu erkunden und gemeinsam etwas zu unternehmen. Nach Fahrt mit der Maršrutka zum Zentralmarkt teilten sich jedoch die Gruppen schon leicht auf. Die einen gingen Shoppen, die anderen auf Sightseeing-Tour, und andere gingen noch einmal günstig und lecker essen. Eins hatten auf jeden Fall alle gemeinsam, und das war der Wunsch, noch einmal Irkutsk und die russische Seele zu erfahren.

Der Abend kam, die Zeit also, ins Wohnheim zurückzukehren. Ich erinnere mich noch gut, daß die Gruppe, in der ich war, zurück lief, und der Weg nicht kurz war. Wir liefen und liefen, und endlich am Ziel angekommen gingen langsam alle auf ihre Zimmer. Einige schliefen sogar schon, weil sie schon sehr früh zum Flughafen gefahren wurden. Ich sehe mich noch im Treppenhaus in dieser Nacht mit den russischen Studenten reden, und plötzlich war die Nacht vorbei. Schnell duschen, anziehen, alle Sachen zusammenpacken und zum Taxi. Ach ja, und natürlich sich von allen verabschieden. Die tragische Stimmung war jetzt wohl am Tiefpunkt angelangt.

Da Martin, Sina und Karolin ebenfalls zur gleichen Zeit flogen, konnten wir am Flughafen Irkutsk noch ein wenig die Zeit Revue passieren lassen. Sogar zwei von den russischen Studenten kamen noch, was den Abschied nicht leichter machte. Dennoch mußten irgendwann alle einchecken, und so trennten sich unsere Wege nach der letzten Kontrolle recht schnell, da die Angestellten des Flughafens uns regelrecht anschrien; wir sollen uns beeilen und zum Gate gehen. Mit Sina ging es noch bis Moskau, dort verbrachten Maria und ich mit ihr noch eine Stunde vor dem Flughafen, bis wir zusammen in unser Hotel fuhren. Wir verbrachten noch ein paar schöne Tage in Moskau, trafen sogar eine russische Studentin, die mich damals zu Anfang meines Auslandssemesters in Moskau auf dem Flughafen empfangen hat. Am 11. September 2011 ging es schließlich zurück. Wir fuhren mit dem Taxi zum Flughafen. An die Konversation mit der Taxis-Fahrerin erinnere ich mich noch gut. Tja, irgendwann kam es dann zur Landung, und wir wurden beide vom Flughafen abgeholt und fuhren nach Hause. Aber die Gedanken waren noch lange nicht wieder hier angekommen, sondern immer noch dort, wo es so schön war, wo man frei von allen Sorgen war.

Insgesamt kann ich über meine Sommerschule 2011 nur sagen, daß es meinen Horizont in jeglicher Hinsicht erweitert hat. Als Lehramtsstudent für das Fach Russisch ist es mir natürlich wichtig, auch von vielen eigenen Erfahrungen in Rußland berichten zu können. Und Erfahrungen habe ich viele gemacht. Zudem konnte ich meine Sprachpraxis durch viel Kommunikation auf Russisch weiter verbessern. Und ich habe sogar – im Gegenteil zu Moskau und St. Petersburg – die wirkliche Russische Seele kennengelernt. Und ich finde es sogar noch schöner, obwohl ich vier Monate in Moskau für ein Auslandsstudium verbracht habe. Ich habe durch die Exkursion an den Bajkal sehr viel über die dortigen botanischen und ornithologischen Begebenheiten gelernt, und das tagtäglich in Form von Wanderungen und Vorträgen. Eine wirklich einmalige Gelegenheit, Land und Leute kennenzulernen. Nie vergessen werde ich wohl auch die Pflanze, die als Tee gekocht gut gegen Durchfall ist. Zwar habe ich den Namen vergessen, aber ich würde sie in jedem Fall wiedererkennen. Oder die Sage über den Bajkal, seine vielen Söhne und seine eine flüchtige Tochter Angara. Oder das „Essen!“ der Kinder. Oder den Sonnenauf- und -untergang am Ufer des Bajkal. Oder die Abende am Lagerfeuer. Oder […]. Eigentlich werde ich wohl nichts vergessen, denn die Zeit dort wird unvergeßlich bleiben. An dieser Stelle kann ich schließlich einfach nur Tatjana Kuschtewskaja zustimmen, wenn ich sage: Байкал больше никогда не отпустит.

  • Автор: Sebstian Wagner
   
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