Sommerschule: „Botanical an ornithological field course in the Lake Baikal region” (von Maria Reinicke)

Nach langem Überlegen wagte ich in diesem Jahr endlich den Schritt – Sommerschule in Russland. Baikalsee, Irkutsk für europäische Ohren so fern und unbekannt, dass oftmals schon allein die Entfernung abschreckt. Feldpraktikum am Baikalsee, dem klarsten, tiefsten und ältesten Süßwassersee der Welt - als ich meine Reise nach Sibirien antrat, konnte ich es im Grunde immer noch nicht fassen, dass ich dieses Abenteuer erleben durfte. Ich wurde oft gefragt: „Warum gerade dort hin? Russland? Botanisch, Ornithologisches Feldpraktikum in Sibirien?“

erstaunte, ungläubige Gesichter „Du wirst doch Lehrer, oder?“ Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, was mich letztlich dazu bewegte. Ob es einfach das Land war, dass ich in den letzten 3 Jahren kennen und lieben gelernt habe, was mich reizte oder einfach nur die pure Neugier auf das unbekannte, fast völlig von meinem Fachgebiet Abweichende, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich meine Semesterferien nutzen wollte, etwas zu erleben, von dem ich meinen späteren Schülern berichten kann und was dazu beiträgt meine sprachliche Kompetenz im Bereich des Russischen zu erweitern. Anfangs dachte ich: Wo bist du hier gelandet? Willst du das wirklich durchziehen?“ Als ich allerdings wieder in Berlin landete, war mein erster Gedanke: „Wie komme ich am schnellsten wieder zurück?“. Insgesamt nahmen 15 Studenten aus den unterschiedlichsten Bundesländern Deutschlands an der Sommerschule teil. Zu ihnen gesellten sich in Irkutsk ebenso russische Studenten, die diese heterogene Gruppe perfekt machten. Sie kamen aus unterschiedlichen Beweggründen, mit unterschiedlichen Russischkenntnissen. Gegangen sind wir jedoch alle mit unvergesslichen, atemberaubenden Eindrücken, neuen Kenntnissen im Bereich Botanik, Ornithologie und der russischen Sprache, sowie einer Verbundenheit zueinander, die sich unter normalen Umständen in 17 Tagen niemals hätte entwickeln können.
An dieser Stelle möchte ich mich beim DAAD bedanken, der dieses Erlebnis für mich finanziell möglich gemacht hat. Ebenso zu Dank verpflichtet bin ich unsren Betreuern Robert Pudwill, Dr. Viktor Salovarov, Oksana Vinkovskaja ,Shenja Tretjakova, die diese Sommerschule organisierten und in Fragen zur Botanik, Ornithologie oder dem Russischen
zur Verfügung standen , sowie Dascha Salovarova die dafür sorgte, dass wir immer ein warmes Essen auf dem Tisch hatten.
Da wir uns den für Hallenser recht unbequemen Weg nach Berlin ersparen wollten, beantragten wir unser Visum direkt über das Reisebüro Jekatarina-Reisen. Gegen einen Bearbeitungsbetrag von 40 Euro wurden sämtliche Wege zum Beantragen und Abholen des Visums von einer Mitarbeiterin übernommen. Dadurch, dass die Einladung in das Gastland vom 15.08.2011 bis 3.10.2011 ausgestellt war, reisten mein Studienkollege und ich bereits am 18.08.2011 in die Russische Föderation ein. Nachdem sich der erste Tag weitgehend der Anreise mittels Flugzeug widmete, erreichten wir am 19.08.2011 unser Ziel Irkutsk. Wir nutzten die Zeit bis zum 22.8.2011 zur Erkundung der Stadt und machten uns mit der dortigen Mentalität vertraut. Sofort deutlich wurde der Kontrast zwischen den Überbleibseln vergangener Epochen und dem neuen westlichen Einfluss. Neben alten Fahrzeugen, die scheinbar nicht aus unserer Zeit stammten zeigten sich plötzlich neue Modelle. Das einstige Stadtbild, welches größtenteils aus Holzbauten bestand, musste teils neuen modernen Einkaufszentren und Gebäuden weichen. Während meiner Reise wurde mir eines erneut klar, Russland ist ein Land voller Extreme. Viele denken bei russischen Wohnverhältnissen sofort an Kakerlaken. Ich muss zugeben, dass keine einzige meinen Weg kreuzte. Auch von den extrem schlechten Wohnheimverhältnissen bekam ich nicht viel zu sehen, da ich nur die Nacht vor der Abreise in einem solchen verbrachte, welches mich, wie ich zugeben muss, wirklich positiv überraschte. Die für uns erste und Überwindung kostende Kuriosität (in unserer für die ersten 4 Tage vor dem eigentlichen Beginn der Sommerschule gemieteten Wohnung), die uns ins Auge fiel, war das Fehlen des Warmwassers. Denn dieses wird für 6 Wochen in den Sommermonaten abgestellt. Insofern man keine Wohnung mit Durchlauferhitzer besitzt, so ist das aufgrund von Reparaturarbeiten fehlende Warmwasser typisch für Russland und lässt sich nicht ändern. Die Russen haben sich schon lange damit abgefunden und wir taten es auch. Was anfangs sehr überraschend und auch etwas schockierend war, wurde im Nachhinein eine sehr witzige Angelegenheit, die uns ein klein wenig auf die Zeit am Baikalsee vorbereitete. Dort hieß es nämlich: Ab in den See oder die Banja!
Die Mitglieder unserer Exkursion sammelten sich zunächst im Wohnheim. Da mein Studienkollege und ich eine eigene Wohnung in Irkutsk hatten stießen wir erst am Abreisetag mit samt unserem Gepäck vollständig zur Gruppe. Schon am Tag zuvor versammelten sich die bereits angekommen Studenten (auch wir) zu einem kurzen Kennenlernen. Am Eingang
lernten wir einige Mitstudenten kennen, die sich die Zeit mit einer Raucherpause vertrieben. Sie alle entstammten unterschiedlichen Fachbereichen. Einige waren Forstwissenschaftler, Botaniker, Geographiestudenten, Biologen, Sozialpädagogen oder wie wir Pädagogen. Nach einer kurzen Bekanntmachungsphase, folgten zugleich die erste kurze Russischstunde und die Registrierung. Wenig später fuhr die gesamte Gruppe mit dem Bus in die Innenstadt von Irkutsk und wir erkundeten nochmals gemeinsam die architektonischen und kulturellen Besonderheiten vom zentralen Markt bis zur Angara. Nachdem uns unser Taxi am darauffolgenden Tag direkt vor dem Eingang des Wohnheimes abgesetzt hatte, begann auch schon der Prozess des Einladens. Ein Bus war ausschließlich für den Transport unseres Gepäckes vorgesehen. In dem Zweiten versammelten sich die russischen und deutschen Studenten, sowie die Leiter der Sommerschule. Wir ließen die Stadt hinter uns und fuhren die 250 km in Richtung Sarma, unserem ersten Feldlager. Schon als wir die Randgebiete Irkutsks erreichten, traf mich der extreme Unterschied zwischen Stadt und Land und arm und reich wie ein Schlag ins Gesicht. Sofort wurde klar, jetzt traten wir die Reise in das wahre Russland an. Wie uns erzählt wurde, fließen 50 Prozent des russischen Geldes in Moskau, 25 Prozent in St. Petersburg und die restlichen 25 Prozent des Geldes sind über das weitere Russland verteilt. Wir nahmen nun zum ersten Mal die unvorstellbaren Dimensionen des Landes wahr. Weiten Steppen folgten dichte Taigawälder. Dann tauchten sie auf die riesigen Gebirgszüge, die dem atemberaubenden Baikalsee wie ein Rahmen dienten. Von dem Moment an, als wir zum ersten Mal unseren typisch Russischen Bus verließen (bei dem ich mich heute noch wundere, wie er diese Reise überlebte) waren wir im Bann der Landschaft gefangen. Im Laufe des Exkursionszeitraumes kam ich der Natur so nah wie noch nie zuvor. Man war praktisch die komplette Zeit unter freiem Himmel. Egal ob man zum waschen im Bach badete, zusammen frühstückte oder man sein Geschäft in einer für Russlands ländliche Gegenden typischen Toilette (Loch im Boden) verrichtete, man war immer von der Natur umgeben. Nahe dem kleinen Ort Sarma befand sich unser erstes Lager. Leider hatte es in der Vergangenheit zu viel geregnet und der Bus konnte nicht direkt an das Camp heranfahren. So hieß es für uns erst einmal über Stock und Stein, oder auch Bach und Wiese. Als wir ankamen, waren einige Studenten unter der Leitung Viktor Salovarovs schon dabei unser Gemeinschaftszelt und die Feuerstelle zu errichten. Für uns stand nun auch der Zeltaufbau auf dem Plan. Bevor wir das erste Mal in der Wildnis gemeinsam essen konnten, musste jedoch zunächst einmal Holz gesammelt werden, eine ideale Möglichkeit zum besseren Kennenlernen. In den folgenden 7 Tagen führten uns Viktor Salovarov (Experte für Ornithologie) und Oksana Vinkovskaja (Expertin für Botanik) in die Sarmaschlucht, in die Tascheransteppe und in die nähere
Umgebung Sarmas. Sie erklärten uns in größeren und kleineren Ausflügen die ornithologische und botanische Vielfalt des Sarmadeltas. Für mich als Laien war es sehr interessant zu sehen wie viele Vogelarten es hier zu sehen gab. In frühen Wanderungen beobachteten wir: Bach- und Gebirgsstelzen, Rotschwänze, Bergfinken, Schafstelzen, Waldammern, östliche Zwergschnapper und viele weitere Arten dieser enormen Vielfalt. Ähnlich verhielt es sich mit den Pflanzen. Wobei ich ehrlich zugeben muss, dass mich persönliche eher die Ornithologie begeisterte. Die Russischen Studenten waren nicht immer an den Exkursionen beteiligt, sie kümmerten sich viel mehr darum unser Lager angenehm zu gestalten, Holz zu hacken oder zu kochen. Jeder trug seinen Teil zum Lagerleben bei, so entstand eine freundschaftliche, fast familiäre Stimmung in unserer Gruppe. Nach getaner Wanderung ging es meist zum nächsten Tagesordnungspunkt über, dem Protokollschreiben. Zunächst bekamen wir eine Einführung in dieses Gebiet, dann durften wir selber Arten bestimmen. Ebenso hatten wir täglich die Möglichkeit am Russischunterricht teilzunehmen. Für einige Studenten war dies völliges Neuland, andere hingegen hatten bereits Vorkenntnisse. Durch das schlechte Wetter, das Gott sei Dank nur selten über uns hereinbrach, wurden wir kurzerhand mit kleinen Programmänderungen konfrontiert. Vorträge die eigentlich am Abend vorgesehen waren, wurden prompt vorgezogen, um am nächsten Tag, wenn das Wetter wieder besser würde, zeitlichen Platz für Exkursionen zu schaffen. Robert Pudwill und Oksana Vinkovskaja lehrten uns in ihren Vorträgen viel über den Baikalsee und die Geschichte der Burjaten. Abends saßen wir meist gemütlich am Lagerfeuer und ließen den Tag beim gemeinsamen Singen russischer, deutscher und englischer Lieder ausklingen. Der Höhepunkt des ersten Teilabschnittes unserer Reise war der Besuch der Fledermaushöhle. In 2 Gruppen wagten sich einige von uns in das enge, eiskalte Unbekannte, für uns der einzige Ort, der ansatzweise an die Vorurteile Sibiriens (Kälte) erinnerte. Gemeinschaftlich mit den dort kennengelernten Russen verstrich unter Gitarrenklängen auch dieser schöne Abend. In unserer letzten Nacht in der Sarmabucht ließen die Götter (so die Burjaten) uns den Sarmawind noch einmal richtig spüren. Diese Winde überkamen uns des Öfteren nachts und raubten uns einige Stunden Schlaf. Nun hieß es auch schon Abschied nehmen von den Kühen und Pferden, die sich gern einmal im Lager ausbreiteten oder mit uns gemeinsam Volleyball spielen wollten. An dieser Stelle möchte ich einige Worte über die Unfreundlichkeit verlieren. Sie existierte nicht, nicht für uns, nicht in Sarma. Die Menschen im Dorf grüßten uns, wollten plaudern und fanden es sehr interessant, uns bei unseren Eigenarten zu beobachten. Kein Bewohner Sarmas, der bei klarem Verstand ist, würde sich zu dieser Jahreszeit so ausgelassen in den Baikalsee stürzen wie wir. Ein sehr auffallendes und liebenswertes Phänomen menschlicher Freundlichkeit war Svetlana, sie
führte einen von 2 kleinen Einkaufslädchen die das Dorf zu bieten hatte. Sie plauderte mit uns, als würde man sie schon Jahre kennen. Selbst als wir uns wieder von ihr verabschieden mussten, als unser Aufenthalt dort zur Neige ging, bot sie uns an, sie zu besuchen.
Unser Weg führte uns zurück nach Irkutsk. Vorräte auffüllen, tanken und schon ging die Reise weiter, vorbei an einem Hanffeld mit nahegelegenem burjatischem Heiligenplatz. Sobald das verschlafene aber trotzdem leicht touristisch geprägte Fischerdorf Bolschoje Goloustnoje in Sicht kam, bemerkten wir die Unterschiede zu unserem vorherigen Aufenthalsort. Kleine Einkaufsläden reihten sich aneinander. Es gab mehrere Banjas. Direkt am Baikalsee oder besser Baikalmeer stand ein Chram im Zuckerbäckerstil. Unser Feldlager lag circa 2 km entfernt, direkt am Waldrand. Wenn man aus dem Zelt schaute, bot sich einem sofort ein atemberaubender Blick auf den Baikal. Das Meer lag praktisch direkt vor der Haustür. Es war zugleich Badewanne, Trinkwasserversorger und die Heimat des Omuls, einer speziellen Fischart, die es nur dort zu finden gibt. Dank Frau Dascha Salovarova kamen wir einige Male in den Genuss, diese Köstlichkeit zu probieren. Man möchte meinen, Holzsammeln im Wald wäre einfach. Doch falsch gedacht. Wie uns die Forstwissenschaftler erklärten, darf nur auf dem Boden liegendes Holz verwendet werden. So fuhren während unserer Zeit dort 2 Mal mit Viktor Salovarovs Bus (der uns so manches Mal als Ausflugsgefährt diente) zum Holzholen tiefer in den Wald. Höherpunkt in Bolschoje Goloustnoje waren die beiden Besuche in der Banja, der russischen Sauna. Ein Vergnügen, dass dringend zu erleben empfohlen wird. Die Exkursionen während unseres zweiten Aufenthalts führten uns an der Küste entlang, in das Primorskij Gebirge und ins Delta. Es gab aber auch Gelegenheit einfach so am Strand zu liegen und sich in einem der Fischerboote einem guten Buch hinzugeben. Den letzten Abend der Baikalexkursion verbrachten wir alle gemeinsam am Feuer und sangen ein letztes Mal, bevor wir am nächsten Tag zurück nach Irkutsk fuhren. Am Tag danach bauten wir als Gruppe das Lager ab und verabschiedeten uns von den russischen Studenten, die leider nicht alle mit uns zurück nach Irkutsk ins Wohnheim kamen. Den ersten und letzten gemeinsamen Abend als Gruppe deutscher Studenten in Irkutsk, verbrachten wir mit einem Stadtbummel und anschließendem Abendessen im Restaurant. Die Nacht wurde sehr kurz, denn am Morgen hieß es für uns Abschied nehmen. Staffelweise verließen wir das Wohnheim und traten die Heimreise oder Weiterreise an. Für einige endete hier das Abenteuer Russland. Andere wiederum setzten ihre Reise zu Fuß oder in Richtung Mongolei oder Moskau fort.
Abschließend möchte ich unbedingt meine empfehlenden Worte zum „Botanical an ornithological field course in the Lake Baikal region“ aussprechen. Ich denke diese Sommerschule ist für jeden eine Bereicherung. Man erlebt eine atemberaubende Landschaft, hat auch als Nicht-Botaniker oder Nicht-Ornithologe die Möglichkeiten, sich mit anderen Fachrichtungen auszutauschen und seinen Wissensstand zu erweitern. Was die Sprachlich-Kommunikative Ebene angeht, so ist es ebenso empfehlenswert, denn wo lernt man eine Sprache besser, als an dem Ort wo sie gesprochen wird. Für jeden, der einmal das wahre Russland kennenlernen will und nicht nur Moskau oder den europäischen Teil, so sollte er unbedingt einmal nach Irkutsk, an den Baikalsee reisen und die unvorstellbaren Weiten des Landes und dieses atemberaubenden Sees kennenlernen. 

  • Автор: Maria Reinicke
   
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